Ein perfekter Tag in Grainau: Johannifeuer am Hohen Ziegspitz (1.864 m)

Kategorie: Freizeit  // von Polina Peskovsky
Ein perfekter Tag in Grainau: Johannifeuer am Hohen Ziegspitz (1.864 m)
Freitag, 26 Juni 2020

Alljährlich zum 23. Juni beobachtet man in den Bayerischen Alpen die Berge in Flammen. Das spektakuläre Brauchtum durfte dieses Jahr allerdings Corona-bedingt nur in Grainau stattfinden. Unsere Online Sales & Marketing Manager durfte dieses Jahr Grainauer begleiten, die seit Jahren Bergfeuer am Mittleren Ziegspitz anzünden.

Seit Jahren habe ich Johannifeuer aus dem Tal beobachtet. Es war immer mein Wunsch zu erleben, wie diese Tradition oben am Berg gelebt wird. Dieses Jahr habe ich Glück: ein Kollege lädt mich dazu ein, mit ihm und seinen Freunden Bergfeuer zu legen. Das Feuer wird am Mittleren Ziegspitz angezündet, der einfach zu Fuß ohne Klettersteig zu erreichen ist.

Am 23. Juni nach der Arbeit parke ich mein Auto am großen Wanderparkplatz neben der Almhütte an der Maximilianshöhe in Garmisch. Mein Plan sieht vor, über die Stepberg-Alm (1.592 m) den Ziegspitz zu besteigen und dann noch heute Abend mit Licht abzusteigen. Laut Wegbeschilderung ist die Gehzeit bis zur Stepberg-Alm ca. 2 ½  Stunden, dann ab der Alm zum Ziegspitz noch 1 ¼ Stunden. Den Aufstieg und den Abstieg muss ich selbstständig schaffen, da die Anderen schon vor Ort sind.

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16:40 Uhr: Warme Kleidung, Licht, Wanderstöcke, Abendmahlzeit, zwei Liter Wasser und dazu eine Thermoskanne mit heißem Tee – für so einen Ausflug muss man gut vorbereitet sein, daher ist mein Rucksack heute schwerer als sonst. Die Route wird gleich zu Beginn steil und führt erst durch das Militärgelände. Ich folge der Beschilderung zur Stepberg-Alm, dieses Mal aber nicht über Gelbes Gwänd. Nach einer Bergwiese kommt man in den Wald. In Kürze überquert man einen Bach, dann wird die Forststraße zu einem steileren Steig mit Steinen und Baumwurzeln.

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17:40 Uhr: Das Wetter ist herrlich. Der Forstweg schlängelt sich den Hang hinauf und bietet ab und zu schöne Ausblicke auf Garmisch, Kreuzeck und Hammersbach. Mit jeder Kurve wird der Wald heller, die Sonne leuchtet freundlich durch die Bäume, die Falter setzen sich spielerisch auf den Weg vor mir. Dann wird der Weg etwas flacher und es kommt zu einem Perspektivenwechsel: ab hier geht der Blick Richtung Grainau und Eibsee. Zudem öffnet sich ein herrliches Panorama zum Zugspitzmassiv, das man fast überall auf dem Weg zur Stepberg-Alm genießen kann.

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18:00 Uhr: Ich höre das Rauschen vom Wasser und es kommt nach einer Kurve der nächste Bach, eine hervorragende Möglichkeit zum Erfrischen. Und zwar rechtzeitig, denn gleich danach kommt ein steiles Stück. Ich frage mich, wie ich hier auf dem Rückweg mit Stirnlampe runterkommen soll. Nach einer Viertelstunde habe ich es geschafft und erreiche die Almgrenze mit Gatter. Von hier braucht man nur noch 15 Minuten bis zur Stepberg-Alm.

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18:30 Uhr: Die Stepberg-Alm steht vor mir in warmer Abendsonne. Hier spüre ich aber schon den ersten kalten Wind und ziehe meine Vliesjacke an. Die Almwirtschaft liegt auf 1.592 m unterhalb vom Kramerspitz und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Heute ist allerdings keine Einkehr bei mir geplant, die Brotzeit ist in meinem Rucksack und ich muss in einer Stunde oben sein. Von der Stepberg-Alm soll ich mich nach Anweisungen meines Kollegen links halten und der Forststraße zum Hohen Ziegspitz folgen.

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Ich finde problemlos die Straße, die idyllisch am Waldrand liegt, rechts von einer Kuhweide. Die Kälber schauen mich neugierig an – wahrscheinlich ist diese Straße nicht so beliebt wie die Kramer-Überquerung und Wanderer sind hier nicht so üblich. Die Straße wird immer steiler und ich stehe bald auf einem Sattel. Nach links führt jetzt der schmale Steig zum Hohen Ziegspitz. Laut Beschilderung sollte man in 45 Minuten den Gipfel erreichen, der Mittlere Ziegspitz ist angeblich noch davor.

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19:10 Uhr: Obwohl ich schneller als gedacht aufgestiegen bin, merke ich schon die ersten Zeichen von Müdigkeit. Der Rucksack ist schwer und der Steig ist recht steil, ein paar Stellen gelten sogar als leichter Klettersteig. Dafür kann ich mich gerade kaum begeistern, besonders wenn man später hier in Nacht mit Licht absteigen muss. Aber nur noch ein paar Kurven Anstrengung und ich stehe am Grat. Das atemberaubende Panorama, das nach der Alm durch andere Berge verdeckt wurde, liegt wieder vor meinen Augen. Am Himmel sind einige Wolken unterwegs, besonders die Wettersteinkette ist mit einer großen fetten Wolke bedeckt, was natürlich für die Bergfeuer nicht so toll ist. Wollen wir hoffen, dass es zum Sonnenuntergang wieder klarer wird.

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19:30 Uhr: Am Grat führt der schmale Weg weiter zum Hohen Ziegspitz, hier sehe ich aber in ca. 100 m ein Lagerfeuer und meine heutigen Kameraden, die mich schon aus der Weite begrüßen. Das Bergfeuer ist schon fertig: am Hang stehen an speziell vorbereiteten Stellen Metalldosen. So entstehen die Lichtfiguren, in diesem Fall ein ca. 50 m großes Kreuz. Dafür sind fast 80 Kaffeedosen im Einsatz, die mit einer Mischung aus Bio-Diesel und Rapsöl befüllt werden, dazu gibt es einen Docht aus Stoff. Brennzeit liegt bei ca. 3 Stunden. Ich kann mir vorstellen, dass die Lieferung des Brennstoffs und Vorbereiten der Feuerstellen am Hang sehr anstrengend sind, auch wenn man nicht klettern muss, wie z.B. am Wetterstein.

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Die Sonne ist noch hoch und wir lassen uns Zeit, beim Abendessen das Bergpanorama am Lagerfeuer zu genießen. Die Freunde kommen schon seit Jahren zum Mittleren Ziegspitz. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Wettersteinkette, wo die meisten Feuer angezündet werden, sowie auf die naheliegenden Berge – den Kramerspitz und den Hohen Ziegspitz, wo eine Damengruppe gerade eine Lichterkette gestaltet. Viele Feuermacher kennen sich und versuchen miteinander abzuklären, wo und wann die Bergfeuer angezündet werden. Ab und zu nehmen meine Kameraden ein Fernglas und schätzen ab, bis wann der eine oder andere Kletterer am Waxenstein oder am Riffelspitz die Feuerstelle erreichen wird.

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20:30 Uhr: Langsam geht es Richtung Sonnenuntergang. Sonnenstrahlen zerschneiden die Wolken und werfen das letzte Licht auf die Wettersteinkette. Die Berge werden orange, dann rosa, purpurrot und letztendlich kurz graugrün. Ein kräftiger Wind kommt plötzlich aus dem Tal und es wird im Augenblick eiskalt. Wir fügen unserem Lagerfeuer einen nächsten Haufen trockener Latschen bei, der gleich in strahlende Wärme umgewandelt wird. Auch andere Feuer werden in der Dämmerung sichtbar. Unterhalb vom Osterfelder am Schwarzenkopf, am Hausberg und unten in Grainau – überall sieht man helle Punkte. An der Kreuzalm wird auch gefeiert, allerdings ohne Feuer. Jetzt geht es los!

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21:15 Uhr: Die Dosen werden mit Fackeln angezündet. Unser Kreuz brennt als erstes über Grainau! Es kommen jede Minute neue Bergfeuer dazu: unsere Nachbarinnen am Ziegspitzgipfel sowie die anderen am Kramer, wobei wir die vordere Kramerwand, wo die meisten Feuer stattfinden, von hier nicht sehen können. Viele Bergfeuer sind in der Regel am Wettersteinkamm, aber die große Wolke hängt immer noch über das Zugspitzmassiv, so dass der Kamm nur schlecht zu sehen ist. Dafür entstehen schöne Lichtfiguren unterhalb vom Kamm, erstmals ist es ein Kreuz mit Herzen und Feuerwerk, später sieht man ein riesiges Lichtkreuz, das am Waxenstein gebaut wurde. Am Kleinen Waxenstein leuchtet eine Lichterkette am Gipfel. Und endlich öffnet sich der obere Kamm, der gerade voll in Flammen steht! Was für ein Anblick!

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22:00 Uhr: Die Damen vom Ziegspitzgipfel gehen an uns vorbei ins Tal und ich muss mich leider auch verabschieden – nicht dass der Rückweg zu lange dauert. Ich will versuchen, den Parkplatz bis um Mitternacht zu erreichen. Ich ziehe mich für die lange Wanderung um, baue meine Wanderstöcke auf und schalte die Stirnlampe ein. Dann bedanke ich mich für einen unvergesslichen Abend und gehe auch Richtung Tal.

Das erste Stück, wo ich mir am meisten Sorgen gemacht hatte, geht aber mit den neuen Wanderstöcken hervorragend, auch kurzes Runterklettern ist überraschungsweise kein Problem. Über die Forststraße komme ich in Kürze zur Stepberg-Alm. Hier wird es deutlich wärmer als am Grat und ich ziehe die warme Kleidung wieder aus. In der Stille klingelt ab und zu eine Kuhglocke, der Mond ist nicht zu sehen. Ich stelle mein Stirnlicht etwas runter – nicht dass die Batterie unterwegs leer wird. Auch im Handy ist 5% Akku für den möglichen Notruf reserviert. Beim Verlassen der Alm werfe ich noch einen letzten Blick auf den Ziegspitz – unser Lichtkreuz schaut immer noch gigantisch aus!

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22:30 Uhr: Durch den Bergwald in der Nacht zu laufen, ist nicht unbedingt mein Lieblingssport. Es gibt zwar bei uns in Garmisch keine Wölfe oder Bären, aber wer weiß – es kann auch ein Dinosaurier sein…  So mancher Horrorfilm geht mir durch den Kopf. Auch über eine Gams würde ich mich gerade nicht besonders freuen. Daher versuche ich, mit den Wanderstöcken so viel Krach wie möglich zu machen und singe dazu ganz laut, wenn sich im Gebüsch daneben etwas bewegt. Und obwohl meine Kameraden mir versprachen, dass zur gleichen Zeit viele Wanderer vom Kramer absteigen würden, habe ich unterwegs nur einen getroffen – und der hat mich erst unten in Garmisch überholt.

23:30 Uhr: Es ist bald Mitternacht, aber mein Ziel ist noch weit entfernt. Das linke Knie tut weh, der rechte Fuß hat eine Blase und die Waldgeräusche machen mir immer mehr Angst. Ich überlege mir immer wieder ob ich einen Stopp machen soll. Meine Idee wird allerdings von mir wieder abgelehnt – aus den Gründen, dass ich vielleicht nach der Pause nicht mehr aufstehen kann und es mir im finsteren Wald zu ungemütlich ist. Daher bleibt meine Thermoskanne voller Tee. Ich träume von einer Dusche und meinem sanften Bett. Endlich höre ich den Bach rauschen. Im Lampenlicht sieht das fließende Wasser wie verzaubert aus. Das untere Stück zwischen dem Bach und dem Parkplatz ist schlimmer als gedacht – es geht ziemlich steil nach unten und ich riskiere es, über einen Stein abzustürzen. Aber letztendlich kommt der Parkplatz!

0:15 Uhr: Mein Auto ist nicht das einzige am Parkplatz – es sind noch zwei andere, die wahrscheinlich noch am Kramer Johannifest feiern. In kompletter Stille sitze ich im Auto und trinke erstmal entspannt meinen Tee. Die Gams und der Dinosaurier dürfen jetzt rauskommen. Über die leeren Straßen fahre ich nach Hause und denke an unser Lichtkreuz – kann es sein, dass es noch leuchtet?

Tipps & Infos:

  • Man kann die Stepberg-Alm je nach Kondition als eine ganztägige Wandertour oder Teil der Kramer-Überquerung in Anspruch nehmen. Öffnungszeiten und sonstige Informationen finden sie hier, Montag ist Ruhetag.
  • Wenn Sie einmal das Johannifeuer-Spektakel selbst miterleben möchten, das kann auch relativ einfach gehen. Bergbahnen in unserer Region bieten ab und zu Termine zum Johannifest. Ein Bergfeuer wird dann in der Nähe von der Bergstation gelegt und die Gäste können mit der Bahn anreisen – lesen Sie unseren Blog über die Sonnwendfeier am Wank.
  • Das Brauchtum ist witterungsabhängig, so dass die Termine leider kurzfristig abgesagt werden können. Wenn Sie sich für eine Gipfelfeier entschieden haben, nehmen Sie warme Kleidung mit und beachten Sie die Sicherheitsregeln am Berg.
  • Johannifeuer aus dem Tal zu beobachten ist schön und gemütlich. Suchen Sie sich eine offene Stelle mit direktem Blick auf die Bergfeuer, z.B. auf dem Hammersbachweg mit Blick auf die Waxensteine und den Kramer in Grainau oder vom Grainauer Panoramaweg in Richtung Kramer. Mit Rücksicht auf die Naturschutz- und (mögliche) Rettungsmaßnahmen ist es nicht wünschenswert, dass zu viele Menschen über Nacht am Berg bleiben und dabei noch Feuer machen.
  • Alternativ können Sie mit dem Auto durch Garmisch-Partenkirchen und Grainau durchfahren und die Berge in Flammen von unterschiedlichen Perspektiven genießen.
  • Zusätzlich zum Johannifeuer wird in Oberammergau alljährlich zum 24. August der Geburtstag von König Ludwig II. mit Bergfeuern gefeiert. Am Hausberg Kofel wird eine brennende Königskrone errichtet, sonst werden die Feuer am Kofel und auf den umliegenden Bergen entfacht. Während die Illumination auf dem Kofel allmählich erlischt, bewegt sich ein langer Zug von so genannten „Feuermachern” mit Fackeln hinab ins Dorf, wo in den Gasthäusern bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wird.