Interview mit Willi Kraus, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau

Kategorie: Freizeit  // von Polina Peskovsky
Interview mit Willi Kraus, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau
Mittwoch, 16 Dezember 2020

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit der Bergwacht Grainau entstanden.

2020 feierte die Bergwacht Bayern ihr 100. Jubiläum. Heute möchten wir einen Blick auf die Geschichte der Bergwacht in Grainau werfen. Der derzeitige Bereitschaftsleiter der Bergwacht Grainau, Willi Kraus, hat mit uns über aktuelle Themen in einem Interview gesprochen.

Unsere Berge bieten für jeden ein außergewöhnliches Naturerlebnis und sind touristisch und freizeitmäßig für den Bergsport, dank ausgebauter Wanderwege, Berghütten, Seilbahnen, präparierter Pisten und einem effizienten und erfahrenen Bergrettungsdienst, perfekt erschlossen. Ohne die Bergwacht im Werdenfelser Land wäre die touristische Entwicklung in der Zugspitzregion nicht möglich.

Fotos © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Herr Kraus, die Bergwacht Bayern feierte 2020 ihr 100. Jubiläum und ein wesentliches Stück dieses Weges waren Sie dabei. Was hat Sie persönlich zur Bergwacht gebracht? Seit wann sind Sie Bereitschaftsleiter?

Willi Kraus: Ich kam durch Freunde, mit denen ich in den Bergen unterwegs war, zur Bergwacht und bin seit 1984 dabei. Bereitschaftsleiter bin ich seit 2013, davor war ich 4 Jahre stellvertretender Bereitschafsleiter.

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1960er: In Grainau selbstgebautes Abtransportgerät / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Was waren die wichtigsten Meilensteine bei der Bergwacht Grainau? Wie groß ist derzeit die Mannschaft?

Willi Kraus: Die Bergwacht Grainau war erst einmal ein Zug der BRK-Bergwachtbereitschaft Garmisch-Partenkirchen, der 1945 infolge der Neuorganisation der Rettungsdienste durch die US-Militärregierung aufgestellt wurde. Seit 1973 ist die Bergwacht Grainau eine eigenständige Bereitschaft. Die Bergrettungswache am Parkweg in Grainau gibt es seit 1989. Derzeit sind wir 42 aktive Bergwachtmänner und insgesamt 60 Mitglieder.

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1989: Einweihung und Segnung des neuen Bergwachthauses / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Laut „Chronik der Bergwacht Grainau“ zählte die Bereitschaft zum Ende des Jahres 2011 58 aktive Mitglieder und 5 Anwärter. Die Anzahl der Bergwachtler hat also in den letzten Jahren nicht stark zugenommen, was man über die Anzahl der Touristen nicht sagen kann. Zudem hat die Bergwacht Grainau im Vergleich zu den anderen Bergwachten in Deutschland ein extrem schwieriges Einsatzgebiet: hochalpin, mit zahlreichen gefährlichen Stellen, inklusive Gletscher. Dabei wird das Gebiet auch noch von Bergsportlern sowie Touristen, teils ohne Bergerfahrung, enorm frequentiert. Wie lässt sich die Situation meistern? Reichen Ihnen Ihre derzeitigen Einsatzkräfte? Kommen Sie zurecht?

Willi Kraus: Unsere Bergwacht ist zusammen mit der Region gewachsen, je nachdem wo der Bedarf für Unterstützung war. Zum Beispiel ab 1962, wo der Skibetrieb an der Riffelabfahrt extrem zugenommen hat, wurde eine Diensthütte am Riffelriß geplant, der Bau erfolgte parallel zur Errichtung der Eibsee-Seilbahn. Die Hütte trägt den Namen von Dr. Hans Gazert, Gründer des Gebirgsunfalldienstes im Werdenfelser Land. 1965 wurde nach einem großen Lawinenunglück auf dem Zugspitzplatt der bayerische Lawinenwarndienst gegründet, woran sich auch drei Grainauer Bergwachtler beteiligen. Ab 1972 wurde das Skigebiet auf den Osterfeldern mit Skiliften ausgebaut und später in 1978 wurde noch der Klettersteig „Alpspitz-Ferrata“ in Betrieb genommen. Demzufolge wurde im Sommer 1972 zusammen mit der Bereitschaft Garmisch-Partenkirchen die Osterfelder-Diensthütte an der Bergstation Alpspitzbahn erbaut. Durch den gleichzeitigen Bau der Osterfelder- und Hochalmbahn konnten Baumaschinen sowie die Transportbahn gleich mitbenutzt werden. Unser Einsatzgebiet wurde ebenfalls schrittweise erweitert: seit 2003 ist die Bergwacht Grainau für den Bereich Vollkarspitze bis Grieskarscharte zuständig, und seit 2010 wurde auch das Gebiet westlich der Kramerlaine bis zur Gemarkung Oberammergau und zur Landesgrenze dem Einsatzgebiet der Bergwacht Grainau zugeteilt. Das hat damit zu tun, dass Unfallorte in diesem Bereich von Grainau aus schneller erreichbar sind als vom Bergwachthaus in Partenkirchen.

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Diensthütte an den Osterfeldern / Foto © Polina Peskovsky

Wir sind mit der derzeitigen Mitgliederzahl gut aufgestellt, eine Herausforderung in Zukunft wird es sein, auch an den Wochentagen immer genug Einsatzkräfte zur Verfügung zu haben, da immer mehr junge Grainauer nicht mehr im Ort arbeiten. Auch zeigt sich eine Entwicklung, dass immer mehr Einsätze an Wochentagen sind, was natürlich daran liegt, dass auch unter der Woche immer mehr Menschen in den Bergen unterwegs sind.

Badersee-Blog: Laut Chronik wurde 2006 bei der Bergwacht Grainau der Antrag eines Mädchens zur Aufnahme als Anwärterin abgelehnt. Dabei gibt es immer mehr Frauen, die extrem gut Ski fahren, Bergsteigen oder Klettern können. Besteht Ihre Mannschaft immer noch ausschließlich aus Männern?

Willi Kraus: Seit diesem Jahr sind auch Frauen bei der Bergwacht Grainau.

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1965: Neues Gipfelkreuz auf dem Kleinen Waxenstein / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Laut Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins, gab es 2019 in Relation zum Mitgliederstand so wenige Unfälle wie zuletzt vor 20 Jahren. Dafür gibt es in absoluten Zahlen mehr Todesfälle. Merken Sie, dass auf Ihrem Einsatzbereich mehr Unfälle bzw. Todesfälle passieren? Was waren die größten Einsätze des letzten Jahres? Wie viele Einsätze hat derzeit die Bergwacht Grainau pro Jahr?

Willi Kraus: Es gab in den letzten Jahren eine leichte Zunahme an Einsätzen, bei den tödlichen Bergunfällen ist die Zahl eher abnehmend. Im Jahr haben wir ca. 150 Einsätze, davon im Sommerhalbjahr ca. 100. Viele Einsätze sind im Bereich Höllental. Ein größerer Einsatz letztes Jahr war die Bergung von 5 Wanderern aus der Tour „Eisenzeit“. Sie waren mit kurzen Hosen und Turnschuhen in schwierigem Gelände unterwegs.

Badersee-Blog: Die „Eisenzeit“ ist ja eine Klettertour für erfahrene Bergsportler. Merken Sie, dass Bergsportler aufgrund besserer Ausrüstung immer riskantere Wege gehen? Ändert sich das Verhalten der Bergsportler und Touristen über die Jahre?

Willi Kraus: Die Zahl der Bergsteiger und Wanderer wird jährlich mehr, im letzten Sommer haben die Reisebeschränkungen auch noch dazu beigetragen. Dabei sind auch viele, die nicht der Tour entsprechend ausgerüstet sind. Obwohl die Informationsmöglichkeiten heute so gut sind wie noch nie, sind dennoch immer wieder Leute unterwegs, die überhaupt nicht wissen wo sie sind. Eine gute Vorbereitung für eine Bergwanderung ist sehr wichtig und sollte vom jedem gemacht werden.

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An der Riffel / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Wir haben auf unseren Wanderungen oftmals bemerkt, dass die Beschilderung in der Werdenfelser Region an manchen Stellen irreführend ist. An Abzweigungen fehlen Schilder, die die Richtung angeben. Wanderzeiten sind falsch angegeben, das führt oft dazu, dass ungeübte Wanderer deutlich mehr Zeit für den Aufstieg benötigen als angegeben und somit erschöpfen, weil sie mit anderen Zeiterwartungen gestartet sind. Auch am Spitzenwanderweg fehlt oft die Beschilderung. Was sagt die Bergwacht dazu? Kann hier etwas verbessert werden?

Willi Kraus: Zurzeit werden die Beschilderungen durch den Alpenverein nach und nach erneuert. Auf Zeitangaben sollte man sich nicht immer verlassen: sie dienen eigentlich nur zur Orientierung, denn Jeder geht sein eigenes Tempo. (Ich bin meistens schneller unterwegs.) Es gibt einige gute Apps wo man viele Touren findet, oder man kann wie früher eine Karte zur Hand nehmen – sollte aber damit umgehen können.

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An der Riffel / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Die Bergwacht ist vor allem zum Schutz der Alpenflora entstanden. Was wird heutzutage im Rahmen ihres Naturschutzauftrags gemacht?

Willi Kraus: An erster Stelle bedeutet Naturschutz für uns als Bergwachtler die Erhaltung der Berge und Wälder. In diesem Sinne werden große Aufräumaktionen organisiert, oft in enger Zusammenarbeit mit anderen Bergwachten, der Feuerwehr, den Bayerischen Staatsforsten, mit der Gemeinde oder ähnliches. So hat z.B. 2003 der „Riffelputz“ stattgefunden: 18 Mann haben damals ca. 3 Tonnen Eisen, Blech und sonstiges Allerlei im Bereich Tunnelfenster und Riffel gesammelt und zum Haltepunkt Riffelriss transportiert, wo der Müll später auf den Zug geladen und ins Tal gebracht wurde. Im Zugspitzgebiet, im Höllental und in anderen meistbesuchten Bereichen auf unserem Einsatzgebiet werden immer wieder solche Säuberungsarbeiten durchgeführt.  Daher freuen wir uns, wenn Wanderer darauf achten, dass sie keine Spuren von sich in der Natur hinterlassen (Müll, Hundekot, …). Wichtig ist auch, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben: Abkürzungen beschädigen die Vegetation und beim Verlassen der markierten Route kann es dazu kommen, dass man sich verläuft und für eine sonst unnötige Rettungsaktion sorgt.

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2003: Nach dem "Riffelputz" / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Für unsere Leser und Hotelgäste ist es übrigens gut zu wissen: Muss man dann den Einsatz selbst bezahlen?

Willi Kraus: Ja, bei einer Bergung, die nicht medizinisch notwendig ist – also nicht aufgrund einer Verletzung durchgeführt wird – sind die Kosten selbst zu tragen. Die Kosten kann man allerdings durch eine Zusatzversicherung oder eine Mitgliedschaft im DAV decken.

Badersee-Blog: Was halten Sie als Bergwachtler von den Sonnwendfeuern?

Willi Kraus: In Grainau sprechen wir vom Johannifeuer, das in unserem Ort einen lange Tradition hat, die meisten Feuer werden mit Rapsöl entzündet, so dass fast keine Rückstände überbleiben. Falls doch, werden sie normalerweise in den Tagen danach aufgeräumt.

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Johannifeuer Stepbergalm Ziegspitz

Badersee-Blog: Die Bergwacht braucht gute Ausrüstung, und zwar für jede Jahreszeit. In wie weit helfen private Spenden, diese zu finanzieren?

Willi Kraus: Über Spendengelder wird ein Teil unserer Ausrüstung finanziert, z. B. wird die gesamte Bekleidung von der Bereitschaft selbst beschafft.

Badersee-Blog: In der Chronik sind wir auf folgende Geschichte gestoßen: „1980 überlässt eine Bonner Familie der Bereitschaft 101 Flaschen Whiskey. Diese werden teilweise beim 1. Christkindlmarkt am Untergrainauer Dorfplatz flaschen- bzw. stamperlweise verkauft. Der Rest ist sicher nicht verdorben.“ Was darf die Bergwacht als Spende annehmen? Und was darf man – oder darf man nicht – spenden?

Willi Kraus: Die Bergwacht kann Sach- oder Geldspenden annehmen, die Sache mit den Whiskeyflaschen war bisher einmalig. Mit Geldspenden können wir natürlich immer das beschaffen, was momentan benötigt wird.

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Mannschaftsfoto 2011 / Foto © Bergwacht Grainau

Badersee-Blog: Vielen Dank für Ihre Zeit und ein sehr informatives Interview, Herr Kraus! Wir wünschen der Bergwacht Grainau ein gutes und sicheres Jahr 2021!

Die Bergwacht Grainau freut sich auf Ihre Unterstützung

Unterstützen Sie die Bergwacht Grainau mit einer Spende oder langfristig als Förderer. Wir bedanken uns im Namen aller Bergretter bei Ihnen!

BANK: Kreissparkasse Garmisch-Partenkirchen
BIC: BYLADEM1GAP
IBAN: DE62703500000000012252

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